Eine Lesung vorbereiten

Neben eigenen Erfahrungen mit Lesungen beziehe ich mich auf einen Vortrag von Claudia Toman, den sie 2011 auf dem Montsegur-Treffen gehalten hat und der mir sehr in Erinnerung geblieben ist, sowie auf ein Seminar an der Bundesakademie für kulturelle Bildung, Wolfenbüttel – das intensivste Wochenendseminar, das ich je besucht habe und dass ich jedem nur ans Herz legen kann.

Für mich habe ich ein Drei-Schritte-Modell der Lesungsvorbereitung entwickelt.

  1. Textauswahl und Textbearbeitung
  2. Dramaturgie und Textgestaltung
  3. Probelesen und Text redigieren

1.   Textauswahl und Textbearbeitung

Mein Ziel bei einer Lesung ist es, den Zuhörerinnen und Zuhörern eine spannende oder berührende Geschichte zu erzählen und sie so neugierig auf das Buch zu machen. Wenn ich aus einer Sammlung kurzer Geschichten vorlese, wie „Weihnachtspunsch & Weihnachtskater“, kürze ich im ersten Schritt die Texte zusammen, bis sie etwas zehn bis fünfzehn Minuten Vorlesezeit umfassen. Vor allem streiche ich ausufernde Beschreibungen oder Charakterisierungsszenen und konzentriere mich auf Dialoge und Gefühle – so hat es Claudia Toman geraten.

Wenn ich aus einem Roman lese, suche ich mir drei Textstellen, die eine kleine Geschichte erzählen und jeweils zehn bis fünfzehn Minuten umfassen. Auch die Textstellen bearbeite ich intensiv, weil ich sonst beginne, während des Lesens zu lektorieren. 😉 Denn Adjektive oder Wortdoppelungen finden sich gemeinerweise immer wieder und stören mich beim Lesen, wenn ich sie nicht im Vorfeld redigiere.

Die Textauswahl und Textbearbeitung hilft mir auch dabei, mir den Text oder die Geschichte noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, damit ich sie für den Lesungstermin kenne.

Den Text drucke ich mir aus, nachdem ich ihn bearbeitungsfreundlich formatiert habe: zweizeiliger Abstand, mindestens 5 Zentimeter Bearbeitungsrand rechts und große Schrift!

2. Dramaturgie und Textgestaltung

Der zweite Schritt ist der arbeitsaufwändigste, weil es hier darum geht, die Struktur des Textes herauszuarbeiten, den zentralen Gedanken transparent zu machen und dies für die Zuhörerinnen und Zuhörer nachvollziehbar zu gestalten. Ich lese die Textstellen einmal laut vor und überlege mir, wie ich den Text für Zuhörerinnen und Zuhörer aufbereite und präsentiere. Was ist mir wichtig? Was will ich betonen, wo setze ich Pausen, wie kann ich mit Tempo und Stimme arbeiten, um Akzente zu setzen?

Nachdem die Überlegungen abgeschlossen sind, schreibe ich Markierungen in den Text, die einzelne Worte hervorheben oder Pausen anzeigen.

Hervorhebungen oder besonders Wichtiges lassen sich durch drei Möglichkeiten darstellen:

a) eine kurze Pause vor dem Besonderen einlegen und so die Aufmerksamkeit der Zuhörerinnen und Zuhörer darauf lenken

b) Das Besondere „tieferlegen“ über die Stimme

c) Das Besondere verlangsamen – das Tempo variieren

3. Probelesen und Manuskript erneut redigieren

Nachdem ich den Erstentwurf des Lesemanuskripts erstellt habe, lese ich den Text laut vor und versuche, mich an meine eigenen Regieanweisungen zu halten. Meist entdecke ich dabei Sätze, die zu lange oder zu kompliziert formuliert sind, so dass ich ins Hetzen komme, wenn ich sie lese. Also muss ich nachsitzen und sie entwirren, bis sie lesefreundlich sind.

Während des lauten Lesens schreibe ich Anmerkungen an den Rand, wenn mir beispielsweise auffällt, dass hier eine Verlangsamung sinnvoll wäre oder der Satz intensiver betont werden sollte.

Nach etwa drei Leserunden steht das Manuskript und kann als Lesemanuskriptfassung ausgedruckt werden. Ich nutze Schriftgröße 12 und bleibe beim doppelten Zeilenabstand, allerdings weniger Rand als bei den Probemanuskripten.

Und zum guten Schluss noch ein paar pragmatische Tipps für den Lesungstag

  • Lieber zu früh als zeitknapp vor Ort sein und sich dort umsehen: passt alles? Ist das Leselicht zu grell oder zu dunkel? Wie ist die Akustik? Bin ich gut zu sehen?
  • Kein Wasser oder Getränke mit Bläschen 😉
  • Bequeme Kleidung, in der man sich wohlfühlt, anziehen
  • Schmuck gern, aber nichts, was klappert und vom Text ablenkt