Überlegungen zur Recherche

In einem VHS-Kurs fragten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, wie viel Recherche nötig wäre, um ein Buch zu schreiben. Eine allgemeingültige Antwort konnte ich nicht geben, aber das Thema fand und finde ich so interessant, dass ich länger darüber nachdachte, um meine Antwort zu formulieren, garniert mit ein paar Bildern von der letzten Recherchereise nach Braunschweig, um den Text aufzulockern.

Petri-Kirche

Petri-Kirche

Wie viel ich recherchiere, hängt – das ist beinahe selbstverständlich – von den Vorkenntnissen ab, die ich über Setting und Handlungszeit habe. Auch mein beruflicher Hintergrund fließt in Texte und Recherche ein und begleitet mich beim Lesen.

Ich bin Soziologin und achte daher immer darauf, wie Gesellschaft sich in Romanen abbildet, recherchiere intensiv und versuche, Gesellschaft in der Geschichte abzubilden. Ein Roman, in dem der Lord genauso spricht wie der Butler oder das Küchenmädchen ist für mich kaum lesbar, weil ich mich auf jeder zweiten Seite ärgere. 😉

Ein gelungenes Beispiel, wie man Gesellschaftsunterschiede durch Sprache und Ausdruck darstellen kann, ist die wunderbare Serie Downton Abbey. Sehr, sehr empfehlenswert im englischen Original. Ein wenig beneide ich britische Autorinnen und Autoren darum, wie sehr Sprache in Großbritannien als Unterscheidungsmerkmal genutzt werden kann. Im Deutschen ist das deutlich schwieriger. Wenn man auf Dialekte zurückgreift, sagt das nur etwas über regionale Herkunft aus, wenig über die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Schicht.

Neustadt-Rathaus

Neustadt-Rathaus

Manchmal können Vorkenntnisse allerdings täuschen. Aktuell schreibe ich an einer Geschichte, die zur Zeit des Millenniums spielt, zu einer Zeit also, die ich bewusst erlebt habe. Da sollte man erwarten, dass die Recherche etwas geringer ausfällt, als wenn ich einen weiteren Mittelalter-Roman schriebe. Schön wär’s. Wie ich feststellen musste, ist es beinahe noch schwieriger, über erlebte Vergangenheit zu schreiben als über angelesene, weil sich Erinnerungen täuschen und weil ich mir viele Fragen erst viel zu spät stelle, einfach weil das Jahr 2000 „gefühlt“ für mich noch nicht so weit zurückliegt. Daher ertappe ich mich besonders bei technischen Fragen dabei, die heutige Situation einfach auf 2000 zu übertragen, was sich nach dem Recherchieren als „falsche“ Erinnerung erweist.

Frage: Gab es Google damals schon? Ich erinnere mich nur an Altavista!

Antwort: Ja, Google gibt es schon seit 1998.

Wie war das damals mit dem Internet? Dunkel erinnere ich mich an Modems und langsame und unglaublich teure Verbindungen.

Aber wer war der Hauptanbieter? Gab es GMX schon? Und so weiter und so fort.

Frage: Seit wann ist das Telefonbuch online?

Antwort: Nachdem ich viel Zeit damit verbrachte, eine Antwort zu suchen und nicht zu finden, habe ich das Kontaktformular der Telekom genutzt und hatte einen Tag später bereits die Antwort – DANKE.

Das Örtliche ist seit 1999 über das Internet einzusehen.

Wer hätte das auf Anhieb gewusst?

Löwe

Löwe

Neben den Vorkenntnissen ist der eigene Anspruch an die Geschichte, die ich schreiben will, ein wichtiger Faktor. Zugegeben, ich tendiere dazu, mich in Untiefen und Details zu verheddern, weil ich es nicht aushalte, wenn ich die Frage, die mich gerade beschäftigt, nicht beantwortet bekomme.

Für mich ist es wichtig, Details zu recherchieren, da damit – so habe ich von Titus Müller in einem Seminar gelernt – die Glaubwürdigkeit einer Geschichte in hohem Maße abhängt. Wenn ich im Kleinen einen groben Schnitzer begehe, den Leserinnen und Leser erkennen, dann verlieren sie höchstwahrscheinlich das Vertrauen ins Ganze – zu Recht. Nach meiner Erfahrung ist es allerdings oft schwieriger, etwas Kleines herauszufinden als große Fragen zu beantworten. Über das Leben von Königen und Königinnen gibt es bergeweise Material, aber wo finde ich heraus, aus welchem Material Nuschen (Spangen) gemacht waren, mit denen Menschen im Spätmittelalter ihre Mäntel schlossen?

Till Eulenspiegels Meerkatze

Till Eulenspiegels Meerkatze

Und abschließend will ich den Spaß nicht vergessen. Ich mag die Recherchephase, weil ich ein neugieriger Mensch bin und durch die Informationssuche immer wieder Anregungen für die Geschichte, an der ich gerade arbeite, finde. Fast noch mehr schätze ich die Seitenergebnisse, die allerdings auch ablenkend sein können. Heute habe ich zum Beispiel herausgefunden, dass der amtierende Gouverneur von Oregon die Todesstrafe in dem US-amerikanischen Bundesstaat ausgesetzt hat, was mich dazu brachte, mehr über den Mann in Erfahrung bringen zu wollen, was mich ungefähr eine Stunde beschäftigte.

Nutzt mir das für mein aktuelles Schreibprojekt?

Nicht die Bohne, aber mir hat es Spaß gemacht, mich hat es weiter gebracht, und wenn ich immer nur unter Nutzengesichtspunkten arbeiten würde, dann schriebe ich keine Bücher. 😉

Und wer weiß, vielleicht werde ich dieses Wissen einmal für ein anderes Buch brauchen können. Auf jeden Fall kann ich die Menschen in meiner Umgebung damit sicher beeindrucken.