Zeitgefühl-Recherche

Noch einmal: Recherche, dieses Mal mit der Frage, wie entwickele ich ein Gefühl für die Zeit, in der meine Geschichte spielt?

Wenn man wie ich historische Romane (im weiteren Sinne) schreibt, steht man bei jedem neuen Roman vor der Herausforderung, sich eine geschichtliche Epoche anzueignen. Der Einstieg oder das Fundament ist für mich die Bibliotheks- oder Literaturarbeit. Durch das Lesen von wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Büchern verschaffe ich mir einen ersten Eindruck von der Epoche, in der ich meine Geschichte ansiedeln werde. Auf diesem Fundament baue ich im nächsten Schritt die Pfeiler auf, die den Roman mit Leben und Farbe erfüllen soll, denn bunt ist das Leben und grau alle Theorie. (Bunt wie Lilys Lieblingsbild „Liegender Hund im Schnee“, das im Städel-Museum in Frankfurt hängt). DSC05235Ich versuche, ein Gefühl für die Zeit zu bekommen, indem ich unterschiedlichste Medien nutze, die – ganz klassisch – meine Sinne ansprechen. Dazu gehören Musik, Bilder, Fotos, Filme, Zeitschriften, Romane und Archive. Was dabei so alles auf meinem Schreibtisch zu liegen kommt, stelle ich hier am Beispiel von „Ich warte auf dich, jeden Tag“ vor.

„Warten“, wie ich die Geschichte als Kurztitel nenne, spielt in Frankfurt am Main 1933 und in Berkeley, Stockholm, Barcelona und Frankfurt am Main 1999. Auf den ersten Blick sollte man meinen, es wäre einfacher gewesen, 1999 zu recherchieren, da ich das Jahr selbst erlebt habe. War es nicht, aber das ist ein Thema für einen anderen Tag.

Weil ich ein visuell orientierter Mensch bin, beginne ich die „Gefühlsrecherche“ mit Filmen, die zu der Handlungszeit meines Romans oder drumherum spielen. Weil es mir hier mehr um Eindrücke und Bilder geht, bin ich großzügig und nutze auch Filme, die früher oder später angesiedelt sind. Für „Warten“ waren das:

  • Casablanca: Obwohl ich den Film bestimmt schon fünfzehnmal gesehen habe, entdecke ich immer wieder etwas Neues in der Geschichte – und bin überrascht, wie viel davon ich nicht mehr in Erinnerung habe. Rick, Ilsa – gibt es eine schönere Liebesgeschichte?
  • The Good German: Deutlich düsterer als Casablanca, mit George Clooney und Kate Blanchett. Kein Film, nach dem man leicht Liebeszenen schreiben kann.
  • Unsere Mütter, unsere Väter: Der größte Aha-Effekt dieses Films lag für mich in der – ich traue mir kaum, es zu schreiben – Farbe! Die meisten Fotos aus den 1930er Jahren und viele Filme, die zu der Zeit spielen, sind in schwarz-weiß, so dass ich die Zeit „schwarz-weiß“ denke.
  • Als Frankfurt 100 Gassen hatte: eine spannende Dokumentation über die Stadt, in der ein Großteil meiner Geschichte spielt.

Nachdem ich Bilder der 1930er Jahre im Kopf hatte, habe ich mir Lieder, vor allem Schlager, herausgesucht, die damals gehört wurden. Zu meiner Überraschung kannte ich sogar einige davon. Hier nun eine kleine Auswahl:

Ein Lied geht um die Welt von Joseph Schmidt

Mein Gorilla hat ‚ne Villa im Zoo von Tibor Halmay

Allein in einer großen Stadt von Marlene Dietrich

Immer wenn ich glücklich bin von Hans Albers

Ein neuer Frühling wird in die Heimat kommen von Comedian Harmonists

Denkste denn, du Berliner Pflanze von Alexander Flessburg

Wie hab‘ ich nur Leben können ohne dich von Lilian Harvey

Flieger, grüß mir die Sonne (Fliegermarsch) von Hans Albers

Filme und Musik nutze ich außerdem, um „in Stimmung“ für den Ton und das Thema meiner Geschichte zu kommen. Das muss nicht unbedingt zeithistorisch korrekt sein. Hier geht es mir um die Gefühle, die mit den Filmen oder Songs vermittelt werden. Für „Warten“ habe ich folgende Titel am häufigsten gehört:

Sophie Hunger – Walzer für niemand

Tom Odell – another Love

Somebody that I used to know

Coldplay – The Scientist

… und mein Titel-Song: Dave Stewart & Candy Dulfer Lily was here

Bei den Filmen habe ich auf drei Klassiker zurückgegriffen – für mich die für Lilys Geschichte passende Begleitung:

  • Casablanca: Hier muss ich nichts weiter sagen, oder?
  • So wie wir waren: Die Unmöglichkeit der Liebe zwischen der Kommunistin Katie, gespielt von Barbra Streisand, und Hubell, gespielt von Robert Redford, einem reichen Sonny Boy.
  • Der Liebe verfallen: Molly (Meryl Streep) und Frank (Robert de Niro) verlieben sich in diesem Film aus dem Jahr 1985 in einander. Lange Zeit wollen sie ihren Gefühlen nicht nachgeben, da beide verheiratet sind. Als sie sich füreinander entscheiden, erleidet Molly einen Autounfall …
    Ein echter Hach-hoffentlich-ein-Happy-End-Film, zu dem mich meine Freundinnen Katja und Serpil überredet haben. Mich hat der Titel abgeschreckt, der dem wunderbaren Film so gar nicht gerecht wird.

Zum Abschluss noch Lilys Lied: Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück von Lilan Harvey